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Ernährung / Nachhaltigkeit

Verantwortungsvoller Einkaufen: Milch

Milch ist ein Multitalent: Ob pur im Kaffee,  als Joghurt zum Müsli oder verarbeitet in einer Vielzahl verschiedener Käsesorten – gerade bei uns in Deutschland sind Milchprodukte derzeit aus der täglichen Ernährung nicht wegzudenken. 250 Milliliter Frischmilch, 67 Gramm Käse und 16,5 Gramm Butter verzehrt der Durchschnittsbürger hier bei uns täglich.

Das Werbebild von weidenden Kühen mit glücklichen Kälbern trifft in der Realität aber leider nur in den seltensten Fällen zu. In diesem Artikel wollen wir deshalb unteranderem klären, welche Herkunftsbezeichnungen auf Verpackungen geschützt und welche lediglich umsatzfördernde Marketingstrategien sind. Auch die Auswirkungen unseres Milchkonsums auf die Tiere und die Umwelt haben wir uns genauer angesehen und geben dir am Ende einige Anregungen, um den nächsten Griff ins Milch- oder Käseregal etwas verantwortungsvoller zu wählen.*


1. Die Sache mit der Kennzeichnung

Bei nahezu keinem anderen Lebensmittel klaffen Werbung und Wirklichkeit soweit auseinander wie bei Milcherzeugnissen. Werbeplakate von weidenden Kühen auf Bergwiesen vermitteln uns ein Bild von Idylle und artgerechter Haltung, dabei entspricht dieses Image der Milchindustrie schon lange nicht mehr der Realität. Anders als bei Eiern gibt es für Milchprodukte bisher keine transparente Kennzeichnungspflicht über die Herkunft und Produktionsschritte des Lebensmittels, dafür aber sehr fragwürdige Deklarierungstaktiken. 

Auf Verpackungen von Milch, Butter, Sahne, Joghurt und Quark findest du zwar ein sogenanntes Identitätskennzeichen, mit dem man das Produkt über das Interent bis zur Molkerei zurückverfolgen kann. Diese Identitätsnummer sagt allerdings nichts darüber aus, woher die verarbeitete Milch stammt. Die Angaben beziehen sich lediglich auf die letzte Produktionsstelle, in der die Milch verabreitet wurde. Es kann also durchaus sein, dass bayrische Milch in Wahrheit aus französischer Sähne, rumänischem Milcheiweiß und polnischer Molke besteht und lediglich in Bayern zusammengefügt und abgefüllt wurde. Bei der sogenannte Sachensenmilch der Müller-Gruppe stammen zum Beispiel gerade mal 50% der verarbeiteten Rohmilch aus Sachsen, die andere Hälfte wird aus umliegendenzwa Bundesländern und dem benachbarten Ausland zugeliefert.

Verbraucherorientiertere Regulierungen gibt es dagegen zum Beispiel in der Schweiz: Schweizer Milch muss tatsächlich zu 100% aus der Schweiz stammen.

Alpenmilch aus Freising

Auch Bezeichnungen wie Alpen- oder Weidemilch geben keine detailierte Auskunft darüber woher die Milch kommt, denn beide Begriffe sind gesetzlich nicht geschützt. Jeder Hersteller kann also selbst definieren, wo für ihn die Alpen aufhören. So stammte die bis 2015 vertriebene Alpenmilch von Weihenstephan beispielsweise vorwiegend aus Freising, einem Landkreis nordöstlich von München. Berge gibt es hier definitiv keine mehr. Seit vier Jahren vermarktet der Konzern seine Milch zwar ohne diesen verkaufsfördernden Beinamen. Bei anderen Molkereibetrieben wie zum Beispiel der Bärenmarke stammt die Alpenmilch aber nachwievor zu großen Teilen von Kühen, die ihr gesamtes Leben weit entfernt von Bergwiesen angebunden im Stall verbringen.

Auch unsere Wunschvorstellung von weidenden Kühen auf Gebiergswiesen entspricht also nur selten der Realität, denn angebundene Kühe im Stall geben deutlich mehr Milch und machen gleichzeitig weniger Arbeit. Der Ernährungswissenschaftler Gerhard Jahreis von der Universität Jena untersucht seit Jahren den Zusammenhang zwischen den Lebensbedingungen der Kuh und der Qualität der Milch:

“Ein Tier, dass sich wohlfühlt und auch man die Sonne sehen darf, hat vielleicht eine Milchleistung von 3000 bis 5000 Liter, aber wir haben inzwischen Tiere, die 10 000 Liter Milch geben und die dürfen sich möglichst wenig bewegen, sonst klappt das nicht mit den 10 000 Litern.”

Dem Verbraucher wird mit solchen Bezeichnungen nicht nur ein völlig falsches Bild von der Haltung der Kühe vermittelt, sondern dieser bezahlt im Glauben etwas Gutes zu tun für diese Lüge auch noch deutlich drauf:  Im Vergleich zu herkömmlicher Vollmilch kostet der Liter Alpenmilch rund 43 Cent mehr. Die Bewirtschaftung von Wiesen am Hang ist im Vergleich zur Haltung im Stall deutlich arbeits- und kostenintensiver, für Milch die tatsächlich von weidenden Kühen stammt ist ein Preisaufschlag also durchaus gerechtfertigt. Laut dem bayrischen Landwirtschaftsministerium kamen 2011 insgesamt aber gerade mal vier bis fünf Prozent der Milch tatsächlich aus Bergregionen.

Bergbauernmilch

Der Begriff Bergbauer ist dagegen EU-rechtlich geschützt. Bergbauer ist, wer nach EU-Richtlinien seinen Hof ab 800 Meter Meereshöhe ganzjährig bewirtschaftet. Die Molkerei Berchtesgadnerland verabreitet ausschließlich Milch von Höfen, deren Weiden den EU-Richtlinien von Bergbauern entsprechen. Auch zahlte der Betrieb auf dem Höhepunkt der Milchkrise – zu deren Zeitpunkt ein Liter Milch teilweise für weniger als 20 Cent verkauft wurde – den Bauern nach wie vor nie weniger als 40 Cent pro Liter. Verbraucher wissen diese höheren Ansprüche an die Tierhaltung und Entlohnung zu schätzen: Obwohl die Bergbauernmilch im bayrischen Supermarkt zu den teuersten zählt, wächst ihr Marktanteil stetig weiter.

Die Bezeichnung Heumilch ist seit 2016 EU-weit rechtlich geschützt und unterliegt ebenfalls speziellen Regulierungen.

Biomilch

Auch für Biomilch gibt es klare gesetzliche Richtlinien: Laut EU-Verordnung ist Biomilch gentechnikfrei, die Tiere dürfen nur in Ausnahmefällen angebunden werden und Weidegang ist verpflichtend vorgeschrieben. Pro Hektar Hoffläche dürfen außerdem maximal zwei Milchkühe gehalten werden und jedem Tier stehen mindestens sechs Quadratmeter Stall- und viereinhalb Quadratmeter Außenfläche zu.


2. Das Leid der Milchkühe

Körperliche Belastung

Die meisten Menschen sehen Milch als ein Produkt an, dass Kühe auf ganz natürliche Weise abgeben, in deren Gewinnung also keinerlei Tierleid involviert ist. Genau wie wir Menschen geben aber auch Kühe nur dann Milch, wenn sie ein junges Kalb ausgetragen haben. Ist dies der Fall, kann das Muttertier bis zu 350 Tage lang Milch geben. Milchkühe werden deshalb im Durchschnitt einmal pro Jahr künstlich befruchtet, sind also bereits 2 bis 3 Monate nachdem sie gekalbt haben wieder schwanger.

Aufs Jahr gerechnet gibt eine Hoch- leistungsmilchkuh so mit Hilfe von gentechnisch erzeugten Wachstums- hormonen das Zehn- bis Zwanzigfache ihres Körpergewichts an Milch.

Für den Körper der Tiere stellt dieser unaufhörliche Kreislauf von Schwangerschaft und Milchfluss eine enorme Belastung dar: Viele Tiere beginnen zu lahmen oder erkranken an Mastitis, einer Eutererkrankung, die zu schweren Entzündungen führen kann.


3. Klimakiller Kuh

Rinder sind wahre Weltmeister im rülpsen. Für die Wiederkäuer ist das Aufstoßen ein lebenswichtiger Schritt im Verdauungsablauf, bei dem die Zellwände von Pflanzen aufgebrochen und im Rindermagen in Energie umgewandelt werden. Das dabei entstandene Methan wird dann rund alle 40 Sekunden reflexartig in Form eines Bäuerchens freigesetzt.

In der Atmosphäre ist Methan als Treibhausgas rund 25 Mal schädlicher als CO2 und macht daher einen substanziellen Teil des menschengemachten Treibhauseffekts aus. Bis zu 250 Liter Methan scheidet ein Rind pro Tag aus – bei eineinhalb Milliarden Rindern weltweit setzen die Tiere täglich also insgesamt rund 300 Milliarden Liter Methan frei. Laut Berechnungen der Ernährungsorganisation FAO belastet die Rinderzucht so das Klima ähnlich stark wie alle Menschen Indiens, Deutschlands und Japas zusammen. Auch im Vergleich zum Auto hat die Kuh die Nase vorne: Bei 15.000 gefahrenen Kilometern im Jahr verursacht ein 1er BMW eine Klimabelastung von rund 2 Tonnen CO2. In der gleichen Zeit entspricht die Luftverschmutzung durch das ausgestoßene Methan der Kuh einer CO2 Menge von 3 Tonnen.

Nicht nur Steak und Burger sind für diese Klimabelastung verantwortlich, sondern auch unser Milchkonsum trägt massiv zu den genannten Treibhauseffekten bei. 2018 wurde mehr als ein Drittel der 12 Millionen Rinder in Deutschland für die Milchindustrie verwendet. Wer seine Ernährung nachhaltiger gestalten möchte, sollte also nicht nur den Fleischkonsum, sondern auch den Verzehr von Milchprodukten reduzierten.


4. Guide für den Milchkauf

Milchprodukte entstehen also meist unter deutlich fragwürdigeren Bedingungen, als uns Verbrauchern mit Werbung und Verpackungskennzeichnungen vorgegaukelt wird. Zwar ist Boykott natürlich der strikteste Weg um gegen solche Praktiken vorzugehen aber auch wer nach wie vor Milchprodukte konsumiert, kann beim Einkaufen bereits einiges richtig machen.

Den Konsum reduzieren

Gerade die Milch in Gebäck oder der Joghurt zum Frühstück lässt sich ohne geschmackliche Abstriche durch pflanzliche Alternativen ersetzen.

Verkaufspreis nicht als Qualitätsmaß verwenden

Höhere Preise sagen bei Milch nicht zwangsläufig etwas über die Qualität aus, wie wir bereits beim Thema Alpenmilch erkannt haben.

Gesetzlich geschützte Bezeichnungen

Gesetzliche Vorschriften gibt es dagegen bei den Bezeichnungen Heumilch, Bergbauernmilch und Pro Weideland. Die genauen Regulierungen der jeweiligen Siegel kannst du dir hier durchlesen.

Konkrete Versprechen müssen stimmen

Konkrete Angaben auf der Verpackung – zum Beispiel über die Anzahl der Weidetage pro Jahr oder die Bezahlung der Bauern – müssen stimmen, ansonsten macht sich der Hersteller strafbar. Auf diese kannst du also vertrauen.

Das Identitätskennzeichen sagt nichts über die Herkunft aus

Die Identifikationsnummer gibt lediglich Informationen darüber, wo die Milch zuletzt verarbeitet wurde. Wer wissen möchte wo die Milch produziert wurde muss selbst bei der Molkerei nachfragen.

(Hof)Märkte bevorzugen

Auf (Hof)Märkten kannst du direkt mit dem Hersteller selbst sprechen und unterstützt durch den Kauf Produkte kleinere Betriebe, die nicht unter den … von großen Konzernen leiden.


*Falls du dich fragst, wieso wir auf einem Blog auf dem wir Veganismus propagieren Tipps zum Kaufen von Milch geben: Wir müssen leider realistisch bleiben. Nicht jeder verzichtet aufgrund von transparenten Informationen über die Haltung und Herstellung von tierischen Produkten auf diese Lebensmittel. Denn der größte Feind des Sinneswandels ist bekanntlich die Gewohnheit. Auch wenn es unser primäres Ziel ist andere Menschen für eine vegane Lebensweise zu begeistern sind wir davon überzeugt, dass viele Menschen eher zu Schritt-für-Schritt-Handlungen bereit sind, als für drastische Veränderungen in ihrem Leben. Mit solchen Beiträgen wollen wir Transparenz über die Zustände in der Tierindustrie schaffen und andere auf dem Weg zu einem tierleidfreien Leben begleiten. Egal in welcher Phase sie sich gerade befinden.

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Quellen

Buch Besser einkaufen (2018, Katarina Schickling)

Buch Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen (2010, Melanie Joy)

Magazin Fleischatlas (2019, Heinrich Böll Stiftung)

https://www.ovb-online.de/weltspiegel/wirtschaft/milchverbrauch-deutschland-6584260.html
https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/milch-alpenmilch-herkunft-umwelt-100.html
https://www.tierschutzbund.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Positionspapiere/Landwirtschaft/Enthornen_von_Rindern.pdf
https://www.bzfe.de/inhalt/weidemilch-31007.html
https://www.proweideland.eu/images/downloads/Erweiterung-der-Rahmenbedingungen-und-Kriterien-Weideland-Niedersachsen-20180412.pdf
https://www.tagesspiegel.de/wissen/aha-warum-gibt-die-kuh-staendig-milch/1212464.html
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36835/umfrage/anzahl-der-milchkuehe-in-europa/
http://www.weltderwunder.de/artikel/klimakiller-kuh-wie-gefaehrlich-sind-die-ruelpser-der-wiederkaeuer
https://www.meine-milch.de/artikel/wie-viele-milchk%C3%BChe-gibt-es-in-deutschland
https://www.focus.de/auto/ratgeber/unterwegs/umwelt-klimakiller-kuh_aid_225195.html

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